Therapie

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21.03.2024

Großer Bedarf sorgt für breites Betätigungsfeld

Großer Bedarf sorgt für breites Betätigungsfeld

Post Covid und ME/CFS in der Physiotherapie

Jens Zschocke ist seit elf Jahren Physiotherapeut und hat sich zuletzt auf Long Covid und ME/CFS spezialisiert. In diesem Artikel berichtet er über seine Erfahrungen mit diesem neuen Krankheitsbild und seinen Therapieansatz, bei dem die Telemedizin eine wichtige Rolle spielt.

Am 8. März 2022 stand ein neuer Termin in meinem Plan: Frau Kurz, (Name geändert) ICD: U09.9 PostCovid-19-Zustand. Sofort griff ich gedanklich in die Schublade der Atemtherapie: Thorax Beweglichkeit, Lippenbremse und Ausdauertraining hatte ich direkt im Hinterkopf. Ich nahm mir vor, einen atemtherapeutischen Befund zu erstellen und meine Anamnese durchzuführen. Es sollte aber ganz anders kommen.

Ein neues Krankheitsbild

Eine solche Vielzahl an diffusen Symptomen habe ich selten erlebt. Schnell merkte ich, dass ich viel zu wenig darüber wusste und so etwas auch noch nie zuvor gesehen hatte. Auch die Aussage der Patientin, dass Belastung ihr schade und zu einer massiven tagelangen Erschöpfung führe, kannte ich so noch nicht. Nach diesem Termin beschloss ich, mich unbedingt weiterzubilden. Als erstes stellte sich mir die Frage: Was ist eigentlich Post Covid?

Die Definition der WHO vom 6. Oktober 2021 hierzu lautet: „Post COVID19-Zustand für Erwachsene als eine ab 3 Monate nach sehr wahrscheinlicher oder nachgewiesener SARSCoV-2-Infektion über mindestens 2 Monate persistierender, fluktuierende oder wiederkehrende Folgesymptomatik, die für Long Covid typisch ist und nicht durch eine wahrscheinlichere Diagnose erklärt werden kann.“

In diesem Artikel wird auch immer mal wieder die ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis bzw. Chronisches Fatigue-Syndrom) erwähnt. Dies tue ich bewusst, weil viele der Patienten – bei mir in der Praxis sind es 70 Prozent – nach 6 Monaten von dem Post Covid Syndrom in die/das ME/CFS übergehen. Diese Erkrankungen sind sich im Be - schwerdebild und in der Behandlung sehr ähnlich, wenn nicht sogar gleich.

Die Symptome

Die häufigsten Symptome sind laut der existierenden S1-Leitline vom 05.03.2023 der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.):

  • ››› Fatigue (massive Erschöpfungszustände bei geringster Belastung)
  • ››› Eingeschränkte Belastbarkeit
  • ››› Atemnot bei Belastung
  • ››› Kopfschmerzen
  • ››› Muskelschmerzen
  • ››› Gliederschmerzen
  • ››› Riech- und Schmeckstörungen.

Dazu können in seltenen Fällen auch noch weitere Symptome wie Durchfall, Übelkeit, Herzrasen, Herzstolpern oder Haarausfall auftreten und damit den Behandler vor eine sehr komplexe Aufgabe stellen.

Hohe Dunkelziffer bei den Betroffenen

Die Häufigkeit (Prävalenz) dieses neuen Krankheitsbilds kann noch nicht eindeutig beziffert werden. Die Krankenkassen vermelden einen Stand von 7 bis 13 Prozent aller Ver sicherten in Deutschland, was aber aufgrund einer wohl hohen Dunkel ziffer bei weitem noch nicht alle beinhaltet (Quelle: RKI.de).

Auch Frau Dr. med. Jördis Frommhold, Leiterin des Instituts Long Covid in Rostock und eine der führenden Expertinnen für diese Erkrankung in Deutschland, geht von einer recht hohen Dunkelziffer aus. Dies liege daran, weil viele Patienten fälschlicherweise oder „aus einer Verlegenheit heraus“ mit einer sogenannten F-Diagnose eine psychische Erkrankung diagnostiziert bekämen.

Ohne Telemedizin geht es nicht

Frommhold hatte im vergangenen Jahr 1.200 Patientenkontakte und betreut Patienten deutschlandweit und zum Teil im Ausland zu 90% per Telemedizin. „Es ist für viele unserer Betroffenen wichtig, die Möglichkeit der Telemedizin zu nutzen, weil sie meistens gar nicht aus dem Bett oder geschweige denn zuhause irgendwie loskommen und jeder Arztbesuch sozusagen schon ein riesen Kraft - aufwand ist, wo danach ein Crash (Anm. d. Redaktion: Plötzlich auf - tretender massiver Zustand der Erschöpfung, auch „Post-Exertional Malaise“ – kurz PEM genannt, über einen längeren Zeitraum) droht. Da merken wir auch, dass es ohne Telemedizin eigentlich gar nicht geht“, so die Ärztin.

Auch Dr. med. Michael Jelden aus Homburg/ Saar, spezialisiert auf ME/CFS, bietet seinen Patienten in seiner Fatigue Sprechstunde diese Möglichkeit an, wenngleich er seine Patienten beim Erstkontakt gerne „live und in Farbe“ vor sich hat. Dies schaffe ein besseres Vertrauensverhältnis und man bekomme ein viel besseres Gefühl dafür, was der Patient vorrangig brauche und womit man zuerst therapeutisch anfangen sollte.

Auch in meiner Praxis greife ich auf die Telemedizin zurück und biete meine Termine für diese Patienten wahlweise per Video an, was auch tatsächlich bei 40 Prozent der Termine in Anspruch genommen wird, bei Bedarf auch sehr kurzfristig. Damit kann ich spontanen Absagen und Umsatzeinbußen vorbeugen. Zu beachten ist hierbei natürlich immer der geltende Datenschutz (Stichwort: DSGVO konforme Anbieter).

Langfristige Therapie erforderlich

In der Physiotherapie lösen Patienten mit der Diagnose „Long Covid“ einen „besonderen Versorgungsbedarf nach § 106 Abs. 2 Satz 4 SGB V“ aus. Das bedeutet, dass Langzeitverordnungen durch den Arzt ohne Budgetierung möglich sind. Hier sind zwei Rezepte mit KG und KG-Atemtherapie, mit je 24 Behandlungseinheiten möglich, die parallel behandelt werden dürfen.

Diese Patienten sind dadurch über einen sehr langen Zeitraum in Behandlung. Neue Rezepte können in unbegrenztem Maße ausgestellt werden. Erfahrungsgemäß schaffen die meisten Patienten jedoch nur einen Doppeltermin in der Woche.

Überlastung der Patienten unbedingt vermeiden

Das Wichtigste in der Therapie und gleichzeitig für uns Therapeuten und Ärzte am schwierigsten zu verstehende: Auf keinen Fall überlasten, keine aktivierende Therapie! Jede Überlastung, sowohl physisch, psychisch oder emotional und die damit einhergehende PEM kann zu einer Verschlechterung führen. Hier ist tatsächlich „weniger mehr“.

Multidisziplinäre Konzepte dringend benötigt

In der Behandlung von Post Covid und ME/CFS sind viele Fachrichtungen involviert. So findet der Ersttermin bei Frau Dr. med. Frommhold immer gemeinsam mit einer Psychologin statt. Spezialisierte Physiotherapeuten werden laut Dr. Jelden dringend benötigt, um Techniken wie das Pacing (Selbstmanagementinstrument, um stets unterhalb der körperlichen und psychischen Belastungsgrenze zu bleiben) sowie Entspannungs,- und Atemtechniken zu vermitteln.

Ergotherapeuten können ebenfalls das „Pacing“ anleiten, sowie kognitives Training in stark redu - ziertem Umfang anbieten. Logo - päden können bei Wortfindungs - störungen infolge der reduzierten Kognition helfen. Die Therapie funktioniert am besten in Netzwerken und/oder in multi - disziplinären Zentren. Hier ist eine fortschrittliche Digitalisierung aller Teilnehmer unerlässlich. Alle Fachrichtungen müssen sich austauschen und auf Augenhöhe zusammen - arbeiten.

Fazit

Eine sehr hohe Anzahl an Patienten, deren wahres Ausmaß wir noch nicht kennen, benötigt dringend spezialisierte Fachkräfte vieler Disziplinen in unserem Gesundheits - wesen, wie Ärzte, Psychologen, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden, die sie dauerhaft behandeln können. Diese sollten in ausreichendem Maße digitalisiert sein und die Möglichkeiten der telemedizinischen Medizin nutzen können. Für viele Ärzte sind diese Patienten schwer zu behandeln, weil die Kapazitäten nicht vorhanden sind und oft noch die Kenntnisse und eine angemessene Vergütung fehlen.

Hier bietet sich für die Gesundheitsfachberufe, insbesondere der Physiotherapie, ein breites Betätigungsfeld, mit einem großen Patientenstamm nicht nur in ganz Deutschland, sondern auch im Ausland. Außerdem besteht so auch die Möglichkeit für die aktuell sehr begehrten Doppel - termine, die auch flexibel per Video stattfinden können.

Jens Zschocke

 

Bild: ©KI-Adobe Firefly


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