Gesundheit

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02.02.2026

Der unterschätzte Schlüssel für ein langes Leben

Der unterschätzte Schlüssel für ein langes Leben

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Soziale Beziehungen als Longevity-Faktor

Die Suche nach einem langen, gesunden Leben – Longevity – wird oft mit Ernährung, Bewegung und Schlaf assoziiert. Doch wissenschaftliche Studien zeigen: Die Qualität unserer sozialen Beziehungen hat einen mindestens ebenso starken Einfluss auf die Lebenserwartung wie klassische physiologische Faktoren. Starke soziale Bindungen senken das Mortalitätsrisiko um bis zu 50% – vergleichbar mit dem Verzicht auf Rauchen. Gleichzeitig erhöht Einsamkeit das Sterberisiko um 26–32%, ähnlich wie Fettleibigkeit oder Bewegungsmangel. Fitness-Studiobetreiber, Trainer und Gesundheitsanbieter haben hier die Chance, einen großen Unterschied zu machen.

Eine Metaanalyse von 148 Studien mit über 308.000 Teilnehmern belegt: Menschen mit intakten sozialen Netzwerken haben eine um 50% höhere Wahrscheinlichkeit, alt zu werden verglichen mit sozial isolierten Personen (Holt-Lunstad, Smith & Layton, 2010). Die Effekte sind unabhängig von Alter, Geschlecht oder Todesursache und gelten für alle Altersgruppen.

Zum Vergleich: Der positive Effekt starker sozialer Bindungen aufdie Lebenserwartung ist mit demVerzicht auf Rauchen vergleichbar und doppelt so stark wie der Einfluss von vorliegender Adipositas. Zudem erhöht Einsamkeitdas Mortalitäts risiko um 26 – 32%, ähnlich wie klassische Risikofaktoren wie Bewegungsmangel oder Adipositas (Holt-Lunstad, Smith, Baker, Harris & Stephenson, 2015).

Wie wirken soziale Beziehungen auf den Körper?

Soziale Bindungen reduzieren Stress, fördern die Ausschüttung von Oxytocin und stärken das Immunsystem. Diese Prozesse wirken sich positiv auf Biomarker des Alterns aus (Glaser & Kiecolt-Glaser, 2005):

  • ❯ Telomerlänge: Soziale Unterstützung verlangsamt die Verkürzung der Telomere, die mit dem Altern assoziiert wird.
  • ❯ Entzündungsmarker: Geringere Interleukin-6-Werte bei Menschen mit starken sozialen Netzwerken.
  • ❯ Cortisolspiegel: Chronischer Stress wird reduziert, was Herz-KreislaufErkrankungen vorbeugt.

Zudem verbessern soziale Kontakte die Compliance für gesundheitsfördernde Verhaltensweisen – von der Medikamenteneinnahme bis zur regelmäßigen Bewegung.

Einsamkeit: Ein stiller Killer

Während starke Beziehungen das Leben verlängern, wirkt Einsamkeit wie ein Gift. Dies haben Morina, Kip, Hoppen, Priebe und Meyer (2021) in einem Review festgestellt. Die psychischen Folgen, die Einsamkeit mit sich bringen, umfassen unter anderem ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Angststörungen und Demenz. Soziale Isolation hat auch einen Einfluss auf den Körper. Bluthochdruck, Entzündungen und ein geschwächtes Immunsystem sind direkte Folgen erlebter Einsamkeit.

Demzufolge besitzen chronisch einsame Menschen, wie bereits erwähnt, eine um 26 – 32% höhere Sterblichkeitsrate als nicht einsame Menschen. Die COVID-19-Pandemie hat diese Entwicklung beschleunigt: 2021 fühlten sich 42 % der Deutschen einsam (2017: 14 %). Besonders betroffen sind ältere Menschen und Alleinlebende (GesellschaftsReport BW, 2024).

KI und Digitalisierung: Fluch oder Segen?

Digitale Tools wie KI-gestützte Chatbots oder Social-Media-Gruppen können soziale Kontakte ergänzen – aber sie ersetzen keine echten Begegnungen. Studien zeigen, dass übermäßige Nutzung sozialer Medien das Gefühl von Einsamkeit sogar verstärken kann. Soziale Medien geben vielleicht das Gefühl mit anderen verbunden zu sein. Jedoch sind das meist oberflächliche Interaktionen und Algorithmen, die echte Verbindungen verhindern.

Die „Bubble“ in der man sich zu jeder Gegebenheit befindet, kann das Gefühl der Isolation verstärken, wenn Inhalte angezeigt werden, die zum aktuellen Gefühl passen. Auch schafft es der Social Media-Algorithmus Menschen auseinanderzubringen, wenn z.B. unterschiedliche politische Meinungen durch nicht verifizierte Inhalte den Nutzern verstärkt angezeigt werden und Freundschaften sowie Beziehungen dadurch gefährdet werden. Wo es Risiken gibt, gibt es allerdings auch Chancen. Künstliche Intelligenz und Social Media kann natürlich genutzt werden, um Menschen mit ähnlichen Zielen zusammenzubringen (z.B. Trainingspartner-Vermittlung). Als Studiobetreiber sollten Sie digi - tale Angebote bewusst einsetzen – z.B. als Brücke zu realen Community-Events.

Konkrete Handlungsempfehlungen für die Praxis

  • 1. Community-Events: Organisieren Sie regelmäßige Treffen– vom gemeinsamen Frühstück bis zum Charity-Lauf- oder Fitnesswett - kämpfen.
  • 2. Mentoring-Programme: Binden Sie erfahrene Mitglieder ein, um Neue zu unterstützen.
  • 3. Kooperationen: Arbeiten Sie mit lokalen Vereinen, Seniorenzentren oder Schulen zusammen.
  • 4. Schulungen: Bilden Sie Ihr Team im Umgang mit einsamen Mitgliedern weiter.
  • 5. Hybride Formate: Nutzen Sie digitale Tools, um reale Begegnungen zu fördern – z.B. durch Challenges, die zu gemeinsamen Workouts einladen.

Ausblick: Ihre Rolle als Community-Builder

Die Wissenschaft ist klar: Soziale Beziehungen sind ein zentraler Faktor für Longevity. Doch moderne Trends wie Homeoffice und Digitalisierung gefährden diese Ressource. Hier kommen die Fitness- und Gesundheitsbranche ins Spiel: Als Betreiber oder Coach und Trainer können Sie Räume schaffen, in denen echte Verbindungen entstehen. Schaffen Sie Bewusstsein, indem Sie die gesundheitlichen Folgen von Einsamkeit thematisieren. Workshops, Vorträge, Newsletter und Social Media bieten sich hierzu an.
 
Schaffen Sie auch Strukturen, die Gemeinschaft fördern: Von der Studio-Kaffeeecke bis zum ‚Buddy-System‘ für Neueinsteiger. Testen Sie neue Formate und teilen Sie als „Feldforscher“ Ihre Erfahrungen mit der Branche. Es geht nicht nur um Fitness – es geht um Gemeinschaft. Und die verlängert Leben.

Autor
Jan Paffhausen hat an den Universitäten Stuttgart und Tübingen Sportwissenschaft studiert. Beim IST-Studieninstitut ist er als Vertriebsleiter Fitness Süd-West Ansprechpartner für duale Ausbildungsbetriebe. Als Speaker und in seinem Podcast „Jans entspannt!“ behandelt er vielfältige gesellschaftliche Themen.

Quellen

  • Glaser, R. & Kiecolt-Glaser, J.K. (2005). Stress-induced immune dysfunction: implications for health. Nature reviews. Immunology, 5(3), 243-51.
  • Holt-Lunstad, J., Smith, T. J. & Layton, J.B. (2010). Social relationships and mortality risk: a meta-analytic review. PLoS Med, 7(7): e1000316.
  • Holt-Lunstad, J., Smith, T.B. & Stephenson, D. (2015). Loneliness and Social Isolation as Risk Factors for Mortality: A Meta-Analytic Review. Perspectives on Psychological Science, 10(2).
  • Klärner, A., Gamper, M., Keim-Klärner, S., Moor, I., von der Lippe, H. & Vonneilich, N. (2020). Soziale Netzwerke und gesundheitliche Ungleichheiten. Wiesbaden: Springer.
  • Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg (Hrsg) (2024). GesellschaftsReport BW. Soziale Isolation und Einsamkeit armutsgefährdeter Menschen in Baden-Württemberg.
  • Morina, N., Kip, A., Hoppen, T., Priebe, S. & Meyer, T. (2021). Potential impact of physical distancing on physical and mental health: a rapid narrative umbrella review of meta-analyses on the link between social connection and health. BMJ Open, 11(3).

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